Ursprünglich bezeichnete BIBSYS sowohl eine Organisation als auch das gleichnamige bibliothekarische Managementsystem, das seit den 1970er Jahren als Rückgrat der zentralen Katalogisierung, Erwerbung, Fernleihe und Metadatenverwaltung diente.
Als BIBSYS-System und Organisation abgelöst wurden, setzte sich der Begriff im Fachvokabular fort. Insbesondere im Kontext von Normdaten sind BIBSYS- bzw. NORAF-Identifikatoren heute noch von hoher Relevanz. Das nationale Autoritätenregister NORAF („Norsk autoritetsregister for navn“) wird inzwischen von der norwegischen Nationalbibliothek verwaltet, geht aber historisch aus dem ehemaligen BIBSYS-Autoritätsregister hervor.
Begriffsklärung: BIBSYS, NORAF, Alma, Oria
BIBSYS ist vielschichtig:
- BIBSYS als Organisation/Verbund: Ursprünglich Kooperationsverbund norwegischer Universitäts- und Hochschulbibliotheken, Forschungsinstitute sowie Spezial- und Museumsbibliotheken.
- BIBSYS System: Das zentrale Verwaltungssystem für Metadatenmanagement, Erwerbung, Fernleihe und Katalogbereitstellung von 1972 bis zur Ablösung.
- BIBSYS Autoritätsregister/NORAF: Die norwegische Normdatenbank für Personen und Körperschaften. Heute als NORAF (basierend auf Bokmål: „Norsk autoritetsregister for navn“) von der Nationalbibliothek Norwegens betrieben.
- Alma: Cloudbasiertes Bibliotheksmanagementsystem (Ex Libris Alma), Norwegens landesweiter Go-Live 2018 nach Pilotphasen 2017, komplette Migration aus BIBSYS 2018.
- Oria: Discovery-Oberfläche, seit 2013/2014 basierend auf Ex Libris Primo. Oria bildet die verbundweite Suche und Rechercheplattform, heute auf Primo VE betrieben. Gegenüber früheren Lösungen (wie BIBSYS Ask) bietet Oria institutionenübergreifende Suchfunktionalität, automatisierte Indexierung (CDI) und einheitliche Nachweisinfrastruktur.
Verwaltungsstruktur: Historie und aktuelle Governance
- 1972: Gründung an der Norwegischen Technischen Hochschule (NTH, später NTNU) als reines Bibliothekssystem-Projekt.
- 1972-1996: Eigenständige Entwicklung und sukzessive Ausweitung unter Ministerialaufsicht (Kunnskapsdepartementet).
- 1996-2018: Selbstständige staatliche Organisation.
- 2018: Eingliederung in „Unit – Direktoratet for IKT og fellestjenester i høyere utdanning og forskning“.
- 2022: Fusion zur neuen Organisation „Sikt – Kunnskapssektorens tjenesteleverandør“ mit Übernahme des operativen Verbundmanagements.
- Nationalbibliothek: Verantwortlich für Pflege und Betrieb von NORAF und ergänzenden kontrollierten Vokabularen.
- Sikt: Betreibt das technische Infrastrukturmanagement der Bibliothekssysteme (Alma, Oria, Integrationslösungen, Support).
Historischer Überblick und Meilensteine
- 1972: Pilotierung an NTH (heute NTNU), zunächst als Katalogisierungs- und Ausleihsystem.
- 1980er-Jahre: Wachstum zur Lösung für Universitäts-, Hochschul- und Spezialbibliotheken.
- 1993: Start des landesweiten Bibliotheksverbunds mit zentral verwaltetem Gesamtkatalog und Erwerbungsmodul.
- 2000: Einführung von BIBSYS Ask als Web-basierte Rechercheoberfläche.
- 2013/2014: BIBSYS Ask wird von Oria (Primo/Primo VE) abgelöst.
- 2018: Landesweite Einführung von Alma, Migration und Abschaltung des alten BIBSYS-Systems.
- 2018-2022: BIBSYS als Organisation in der Unit, ab 2022 weitergeführt von Sikt.
Zentrale Komponenten und aktuelle Verbundarchitektur
- Alma Network Zone (NZ): Verwaltung gemeinsamer Metadaten, Normdatenkonfigurationen und übergreifender Systemparameter. Die NZ steuert nicht das Ressourcen-Sharing selbst, sondern dient der Metadatenharmonisierung.
- Alma Institution Zone (IZ): Einzelne Einrichtung verwaltet lokale Bestände, Katalogisierungen und Ausleihvorgänge.
- Community Zone (CZ): Nutzung weltweit gepflegter Titeldaten und Paketinformationen (zentrale Lizenzverwaltung, E-Resource-Management).
- Oria (Primo VE): Discovery-Frontend, lokal und verbundweit auf Primo VE-Basis mit automatisierter Indexierung (CDI). Oria-Permalinks gelten als stabil empfohlene Referenzierungsziele.
- Fulfillment Network (AFN): Strukturiert das Ressourcen-Sharing/Interlibrary Loan auf Alma-Basis und gewährleistet Peer-to-Peer-Prozesse.
NORAF und die Rolle von Normdaten
Das nationale Register NORAF ist das Zentrum norwegischer Normdatenarbeit:
- Betreiber: Nationalbibliothek Norwegens (Nasjonalbiblioteket).
- Datenumfang: Über 420.000 Datensätze (Stand 2024) für Personen und Körperschaften (ohne Werke/Sachschlagwörter).
- ID-System: Die NORAF-ID (früher BIBSYS-ID) ist Bestandteil von Namens- und Körperschaftsnormdaten. Sie wird in MARC Authority Records typischerweise im Feld 024 ($a, $2 noraf) geführt.
- Wikidata und VIAF: NORAF-Personen-IDs werden in Wikidata durch Property P1015 (Personen) und Property P3270 (Körperschaften) repräsentiert. VIAF integriert NORAF-Datensätze teilweise, jedoch mit unterschiedlicher Abdeckung und nach Importpfaden.
- ISNI: ISNI ist nicht Standardimportquelle für ISNI, einzelne Datensätze werden über VIAF aggregiert.
- Linked Open Data: NORAF bietet Linked Data-Endpunkte (z. B. id.nb.no) mit technischer Zugänglichkeit über RDF/SPARQL und OAI-PMH; Nutzung meist unter CC0-Lizenz.
- Nutzung: Katalogisierung, Identitätsmanagement, Discovery, Forschungsprofilierung; Integration mit Systemen wie ORCID, GND, VIAF, Cristin.
Unterscheidung wichtiger Identifier:
- NORAF‑ID: Eindeutiger Identifikator im Authority-Record, vorzugsweise als URI über $0 in Namensfeldern der Katalogisierung (1XX, 7XX, 8XX).
- BIBSYS-Titelnummern: Frühere Schlüsselfelder in bibliographischen Datensätzen, ideal in MARC-Feld 035 dokumentiert als Altidentifikator.
- Alma MMS‑IDs: Interne Systemkennungen – für Back-Office-Referenzierung, aber nicht generalisiert für stabile Permalinks empfohlen.
Metadatenmanagement und Best Practices
Für Bibliotheken, die mit GLOMAS-Lösungen und vergleichbaren Systemen arbeiten, gelten in Norwegen folgende Best Practices:
- Pflege von NORAF-IDs: Konsistente Nutzung und Verlinkung in MARC-Feldern, vorrangig über URIs ($0, z. B. https://id.nb.no/authority/...) in Personen- und Körperschaftsfeldern.
- Migrationspfade NORMARC → MARC 21: Einrichtung von Mappings, Nachdokumentation alter BIBSYS-Titelnummern in $a/$z von 035-Feldern. Beispiel: 035 $a BIBSYS:123456.
- Normdatenverknüpfung: Integration zusätzlicher kontrollierter Vokabulare wie Realfagstermer (naturwissenschaftliche Schlagworte) und Humord (geisteswissenschaftliche Vokabulare), die zusammen mit NORAF Datenqualität und Nachweis erhöhen.
- Permalinks: Für Discovery-Referenzierung werden Oria- bzw. Primo-Permalinks empfohlen. Alma-eigene MMS-IDs dienen vorwiegend internen Referenzierungszwecken.
- Automatisierte Abgleiche: Nutzung von Dublettenprüfungen und validierten Normdatenimports, um Schlagwortnormierung und Personennamenzuordnung zu optimieren.
- Schulungen: Regelmäßige Weiterbildung des Katalogisierungspersonals zu MARC21, Normdaten-Workflows, Datenmigrationen und Integrationsoptionen.
- Lizenzen und Rechte: Open Data-Politik der Nationalbibliothek, insbesondere für NORAF, achten auf Policies zur Nachnutzung von API-/Datenexporten. Die technischen Voraussetzungen werden öffentlich dokumentiert.
Ressourcen-Sharing, Fernleihe und Netzwerkarchitektur
- Alma Fulfillment/Resource Sharing: Zentrales Backend für alle Fernleihanfragen und Bestandsverfügbarkeiten. Das Fulfillment Network vernetzt teilnehmende Einrichtungen; ISO-ILL und weitere Standards werden unterstützt.
- Oria als Bestelloberfläche: Endnutzerinnen und Nutzer bestellen recherchierte Titel über Oria, die technische Abwicklung realisiert Alma.
- Internationaler Austausch: RapidILL, sowie Integration über Dienstleistungsnetzwerke, gestatten globalen Interlibrary Loan. Servicevereinbarungen und technische Schnittstellen sichern Compliance (SLAs).
Ergänzende Dienste und Produkte
Historisch deckte BIBSYS zusätzliche Services ab:
- Brage: Hosting von institutionellen Repositorien, auf DSpace-Basis (nicht OJS) für Open-Access-Publikationen an norwegischen Hochschulen.
- OJS: Separates Hosting für wissenschaftliche Zeitschriften.
- Die Funktion und Integration dieser Dienste wurde unter Unit/Sikt weiterentwickelt oder an andere Betreiber übergeben.
Rollenverteilung und Support
- Nationalbibliothek: Pflege von NORAF, Realfagstermer, Humord, Schnittstellen für Normdaten und kontrollierte Vokabulare.
- Sikt: Betrieb von Alma/Oria, Systemintegration, Supportmanagement, Governance-Strukturen, technische Dokumentation (APIs, Schnittstellen).
- Teilnehmende Einrichtungen: Über 150 Bibliotheken (Stand 2024), darunter fast alle Universitäts-, Hochschul-, Forschungs- und Museumsbibliotheken.
Interoperabilität und Datenintegration
- Globale Identities: NORAF-IDs werden mit GND (Deutschland), VIAF, LCNAF (USA) vernetzt. Über Wikidata Properties (P1015 für Personen, P3270 für Körperschaften) werden Daten international referenziert.
- CDI (Central Discovery Index): Oria/Primo blendet ergänzende Repositorien und Fachdatenbanken via CDI ein.
- ORCID: Verknüpfungen mit Forschungsinformationssystemen wie ORCID ermöglichen Autoritätsmanagement über NORAF-IDs hinaus.
Zahlen & Fakten
- Teilnehmer: Über 150 Verbundeinrichtungen quer durch alle Sektoren.
- NORAF-Datensätze: Über 420.000 Normdaten (Personen/Körperschaften, Stand 2024).
- Discovery: Oria umfasst den Nachweis von Millionen Medien- und Artikeldaten.
Häufige Fragen zu BIBSYS
Ist BIBSYS noch aktiv?
BIBSYS als System und Organisation existiert seit 2018 nicht mehr. Der Begriff bleibt als Referenz für das frühere System, den Bibliotheksverbund und für historische Identifikatoren (BIBSYS-/NORAF-ID) präsent. Die zentralen Dienste werden heute durch Sikt (für Systeme) und die Nationalbibliothek (für Normdaten) betrieben.
Wer pflegt heute das nationale Autoritätenregister?
Die Nationalbibliothek Norwegens verwaltet und entwickelt NORAF und weitere kontrollierte Vokabulare kontinuierlich weiter. Offizielle Zugangspunkte und Dokumentation finden Sie auf id.nb.no/authority/ und bibliothekarischen Fachportalen.
Was ist die NORAF-ID und wie wird sie genutzt?
Die NORAF-ID ist ein eindeutiger Identifier für Normdatensätze (Personen und Körperschaften), gepflegt im MARC Authority-Record (Feld 024 $a mit $2 noraf, bevorzugt $0-URI). Sie dient der eindeutigen Identitätsverwaltung in Katalogen und wird in Wikidata (Personen: P1015, Körperschaften: P3270) sowie in Teilen über VIAF referenziert.
Welche Metadatenstandards werden genutzt?
Historisch wurden Katalogisierungsdaten mittels NORMARC geführt; seit der Alma-Migration setzt Norwegen auf MARC21. Die RDA-Regeln sind etablierter Standard. Mappings und Feldbelegungen wurden für nahtlose Systemmigrationen umfassend dokumentiert.
Wie funktioniert die Migration von BIBSYS-IDs und alten Titelnummern?
Bei der Migration auf Alma/MARC 21 werden Alt-Identifikatoren (z. B. BIBSYS-Titelnummern) im MARC-Feld 035 dokumentiert. NORAF-/BIBSYS-IDs verbleiben in den Authority Records und werden in Katalogdaten bevorzugt über $0 (URI) verlinkt.
Wie können Sie auf NORAF- und Oria-Daten zugreifen?
Normdatenzugriffe können via Linked Data (id.nb.no), OAI-PMH, RDF/SPARQL sowie über Alma- und Oria-APIs erfolgen. Die Bereitstellung unterliegt rechtlichen Vorgaben und ist abhängig von den Policies der Verbundzentrale Sikt bzw. der Nationalbibliothek. Technische Dokumentation und Nutzungsbedingungen sind öffentlich online abrufbar.
Können NORAF-IDs mit GND, VIAF oder ORCID verknüpft werden?
NORAF-IDs werden regelmäßig mit GND und VIAF gemappt, in Wikidata integriert (Unterscheidung: Personen und Körperschaften) und können für Forschungsinformationssysteme wie ORCID als Referenz genutzt werden, wenn Forscherprofile gepflegt werden. Die technischen Konzepte dahinter unterscheiden sich jedoch.
Welche Einrichtungen gehörten zum BIBSYS-Verbund?
Dem BIBSYS-Verbund gehörten nahezu alle norwegischen Universitäts- und Hochschulbibliotheken, Forschungsinstitute, Museumsbibliotheken, die Nationalbibliothek und zahlreiche Spezialbibliotheken an.
Welche Rolle spielte BIBSYS Ask?
BIBSYS Ask war die führende Rechercheoberfläche von 2000 bis zur Ablösung 2013–2014 durch Oria (heute basierend auf Primo VE). BIBSYS Ask wurde nach der Migration vollständig abgeschaltet.
Ist BIBSYS/NORAF für internationale Projekte relevant?
NORAF-IDs erlauben verlässliche, eindeutige Autoritätsvernetzung in internationalen Katalog- und Forschungsprojekten, darunter Wikidata, VIAF, OpenAIRE, ORCID und weitere Identitätsinfrastrukturen.
Welche Rechte gelten für die Nachnutzung der Daten?
Metadaten und Normdaten (NORAF, kontrollierte Vokabulare) unterliegen Open-Data-Lizenzen (meist CC0) und den Nutzungsbedingungen von Sikt und der Nationalbibliothek. Bei spezifischen API-Nutzungen und Datenexports sollten Sie die aktuellen Policies und technischen Dokumentationen konsultieren.