Die Standardisierung erfolgte 2017 durch die Veröffentlichung als ANSI/NISO Z39.102-2017. NISO STS hat seine Wurzeln im Vorläufer ISOSTS (ISO Standards Tag Suite), das ursprünglich für die Internationale Organisation für Normung (ISO) konzipiert war. Das Ziel von NISO STS ist die Erweiterung und Generalisierung dieser Ansätze für eine breite, organisationsübergreifende Anwendung. Fachlich basiert NISO STS auf dem bewährten JATS-Standard (Journal Article Tag Suite), ergänzt jedoch gezielt Elemente für technische Regelwerke und deren spezielle Anforderungen.
Unternehmen und Organisationen erhalten mit NISO STS eine robuste Basis, um Normen konsistent und nachvollziehbar abzubilden, automatisiert weiterzuverarbeiten und den standardisierten Austausch mit Partnern zu ermöglichen.
Was ist NISO STS?
NISO STS stellt ein spezialisiertes XML-Vokabular mit zugehörigen Schemas (DTD, Relax NG, XML Schema) bereit. Sie können damit Inhalte von Normdokumenten präzise und semantisch modellieren. Abgedeckt werden zentrale Metadaten wie Dokumentnummer, Teil/Edition, Ausgabejahr, Titel, Sprachangaben, Status (z. B. „aktuell“, „ersetzt“), ICS-Klassifikationen, Beziehungen zu anderen Normen, Inhaltsstrukturen (z. B. Klauseln, Abschnitte), Begriffe, Tabellen, Abbildungen sowie technische Inhalte wie Formeln oder Maßeinheiten.
NISO STS unterscheidet zwei zentrale Tag-Sets:
- Interchange Tag Set: Konzipiert für den strukturierten Austausch zwischen Organisationen und Systemen. Es garantiert semantische Interoperabilität auf Basis gemeinsamer Strukturen und Metadaten. Die Kompatibilität wird durch projektspezifische Profile und Konventionen festgelegt.
- Publishing Tag Set: Baut auf dem Interchange Set auf und erweitert dieses um zusätzliche, weiterhin semantische und produktionstechnische Markup-Optionen. Diese erlauben die detaillierte Modellierung von Publikationsaspekten, ohne jedoch Layout-Anweisungen zu enthalten. Die Präsentation und das Layout werden stets nachgelagert durch Transformationen erzeugt.
Dank dieser Trennung können Sie Auszeichnungstiefe und Detailgrad flexibel an den jeweiligen Anwendungsschritt – Austausch, Bearbeitung oder Publikation – anpassen.
Welche Dokumenttypen und Sammlungen bildet NISO STS ab?
NISO STS unterstützt verschiedene Top-Level-Dokumenttypen, um den gesamten Lebenszyklus von Normen und verwandten Dokumenten abzubilden:
- standard (Normdokument)
- amendment (Amendment/Änderung zu einer Norm)
- technical-corrigendum (korrigierendes Dokument)
- collection (Sammlung von Normen oder Dokumentpaket)
Für diese Dokumenttypen gibt es strukturierte Wurzelelemente und spezifische Metadatenfelder. So können Sie etwa unterschiedliche Versionen einer Norm oder zusammengehörende Dokumente (wie Hauptdokument und Ergänzungen) systematisch verwalten und referenzieren.
Typischer Normaufbau und zentrale Konzepte
Normdokumente folgen in STS einer etablierten Systematik. Die wichtigsten Bausteine und deren Modellierung sind:
- Front Matter: Erfasst bibliografische Angaben (Dokumentnummer, Teil, Ausgabe, Titel, Sprache, Status, Rechtsinformationen), Identifikatoren (z. B. Normnummer, DOI, URN – wobei diese als Identifikatoren und nicht als Klassifikationen gelten!), Klassifikationen (z. B. ICS), Beziehungen zu anderen Dokumenten („replaces“, „isReplacedBy“), Herausgeber und Lizenzinformationen. Beispiel für ID-Strategien: Die Vergabe stabiler Dokumentnummern und Versionskennzeichnungen sichert Nachvollziehbarkeit.
- Body: Enthält den Kern der Norm, typischerweise als strukturierte Abfolge von Klauseln und Abschnitten. Häufige Bestandteile sind:
- Foreword: Vorwort, oft als eigene Klausel
- Introduction: Einleitung, sofern vorhanden
- Scope: Geltungsbereich der Norm
- Normative references: Verbindliche Referenzen, meist eine separate Klausel (z. B. „Clause 2“); werden explizit als normativ markiert
- Terms and definitions: Begriffserläuterungen und Definitionen als eigene zentrale Klausel im Body
- Symbols and abbreviations: Spezielle Symbol- oder Abkürzungslisten
- Hauptklauseln/clauses: Sachlich strukturierte Anforderungen und Regelungen
- Annex (Anhang): Typischerweise im „body“ als eigenständiges Strukturelement „annex“ modelliert; kann normativ oder informativ ausgezeichnet werden (z. B. „Annex A [normative]“)
- Bibliography: Informative Literaturhinweise, meist am Dokumentende oder als separate Back-Matter-Komponente
- Back Matter: Reserviert für zusätzliche Inhalte wie die Bibliografie (informative Literatur), Register oder optionale Verzeichnisse. Klassische Referenzen werden differenziert nach normativen Referenzen (im Body) und informativen (im Back).
Ein Praxisbeispiel – minimalistischer STS-Skeleton:
<standard xmlns="http://www.niso.org/standards/z39.102-2017/sts">
<front>
<std-ident>
<std-number>EN 1234</std-number>
<edition>2</edition>
<date type="published">2022-05</date>
<title xml:lang="de">Beispielnorm</title>
</std-ident>
<ics>35.040</ics>
</front>
<body>
<clause id="c1">
<title>Scope</title>
<p>...</p>
</clause>
<clause id="c2">
<title>Normative references</title>
<p>...</p>
</clause>
<clause id="c3">
<title>Terms and definitions</title>
<p>...</p>
</clause>
<annex id="A" status="normative">
<title>Annex A (normative)</title>
<p>...</p>
</annex>
</body>
<back>
<bibliography>
<biblio-entry>...</biblio-entry>
</bibliography>
</back>
</standard>
Wofür wird NISO STS eingesetzt?
NISO STS bietet für das Normenmanagement zahlreiche Vorteile und Anwendungsmöglichkeiten:
- Single-Source-Publishing: Automatisierte Erstellung verschiedener Ausgabeformate wie PDF, HTML oder EPUB aus einer zentralen XML-Quelle. Das reduziert Pflegeaufwände und garantiert Konsistenz.
- System- und Partnerintegration: Der strukturierte Austausch mit Normungsorganisationen (ISO, IEC) oder externen Fachdienstleistern wird vereinfacht. Schnittstellen sind eindeutig und auf langfristige Nutzbarkeit ausgelegt.
- Semantische Recherche und Navigation: Feingranulare Auszeichnung ermöglicht gezielte Volltextsuchen, Filterungen nach Metadaten (Status, Ausgabejahr, Sprache) und Navigation nach Abschnitten oder Querverweisen.
- Automatisierte Generierung: Inhaltsverzeichnisse, Glossare (basierend auf „terms and definitions“ im Body), nummerierte Überschriften oder Verweisliste werden on-the-fly aus der Struktur erzeugt.
- Langzeitarchivierung und Versionierung: NISO STS trennt Inhalt und Präsentation, was formatunabhängige Speicherung und revisionssichere Nachverfolgung begünstigt.
- Compliance und Transparenz: Besonders Organisationen mit hohen regulatorischen Anforderungen profitieren von der ausführlichen Dokumentation von Beziehungen, Status und Editionen.
Zentrale Metadaten und Modellierungsaspekte
Wichtige Metadatenfelder in NISO STS sind:
- Dokumentnummer (z. B. EN 1234-1)
- Teil, Edition, Ausgabejahr
- Titel und Sprachversionen
- Status (z. B. „aktuell“, „ersetzt“)
- ICS (International Classification for Standards, als klassische Klassifikation)
- Identifikatoren: Normnummern als primärer Schlüssel, ergänzend DOI, URN oder Verlagsinterne IDs
- Verweise und Beziehungen: „replaces“, „isReplacedBy“, „corrigendumTo“ — allesamt als eigene Elemente abbildbar
- Lizenzinformationen: Informationen zu Urheberrechten, Nutzungsbedingungen und Lizenzen, z. B. über „permissions“ und „license“
Empfehlenswert ist eine stringente ID-Vergabe über alle strukturellen Einheiten, etwa Abschnitte („c1“, „c2“), Abbildungen, Tabellen oder Anhänge, um stabile Querverweise zu ermöglichen.
Kennzeichnung normativer und informativer Inhalte
NISO STS bietet explizite Mechanismen zur Auszeichnung:
- Annex-Status mit dem Attribut „status“ (
normativeoderinformative) zur Kennzeichnung des Charakters von Anhängen. - Abschnittskennzeichnung: Für Referenzabschnitte können zusätzliche Attribute genutzt werden, um normativen oder informativen Charakter im Markup zu hinterlegen.
- Empfohlene Profilkonventionen definieren, welche Abschnitte, Verweise oder Anhänge diese Kennzeichnung in einem spezifischen Projektumfeld tragen müssen.
Tabellen- und Mathematikmodellierung
- Tabellen: Wahlweise können Sie CALS-Tabellen oder ein HTML-Tabellenmodell nutzen. Die Entscheidung beeinflusst Transformation und Barrierefreiheit: CALS ist weiter verbreitet, HTML-Tabellen bieten Vorteile für die Webpublikation.
- Mathethik: Formeln werden vorzugsweise in MathML ausgezeichnet, optional kann TeX-Notation als Fallback eingebettet werden. Die Nummerierung und Referenzierung erfolgt über Markup und eindeutige IDs. Konvertierungstools (z. B. von Word/MathType zu MathML) sind industriebewährt.
Multilinguale Inhalte – Strategien und Konventionen
NISO STS unterstützt Mehrsprachigkeit über xml:lang-Attribute und Gespanne aus parallelen Elementen (z. B. title-group). In der Praxis arbeiten Sie meist mit getrennten Dokumenten pro Sprache. Für Titel, Abstracts oder front-matter-Inhalte empfiehlt sich die Nutzung von Übersetzungsgruppen (Translation Groups). Eine echte Mehrsprachigkeit innerhalb eines Dokuments erfordert konsistente Konstrukte und projektspezifische Konventionen zur Pflege und Synchronisation der Inhalte.
Systemintegration, Werkzeuge und Transformationen
Die Bearbeitung, Validierung und Transformation von NISO STS erfolgt typischerweise mit spezialisierten XML-Editoren wie oXygen XML oder browserbasierten STS/JATS-Editoren. Die Unterstützung kann von Projekten abhängig und individuell zu konfigurieren sein; generische DITA- oder JATS-Systeme bieten nicht zwangsläufig direkten Support für STS.
Zur Validierung werden DTD, Relax NG und XSD angeboten. Ergänzend können Sie mit Schematron-Regeln projektspezifische Validierung (zum Beispiel zu Pflichtfeldern und Namenskonventionen) etablieren. Transformationen in Ausgabeformate wie PDF, HTML oder EPUB werden mit XSLT, XProc, XSL-FO oder CSS-basierten Tools realisiert. Open-Source- und kommerzielle Stylesheets für STS/JATS existieren, müssen jedoch meist angepasst werden. Für Barrierefreiheit in der Ausgabe sollten Sie auf PDF/UA- oder WCAG-Kriterien achten.
Best Practices bei Migration, Versionierung und Sicherheit
Für die Migration aus Word, FrameMaker oder InDesign ist ein detailliertes Mapping notwendig. Typische Problemfelder: Abschnittsnummerierung, Listen, Querverweise, Tabellenraster, eingebettete Objekte, mathematische Formeln, Fußnoten und Abbildungen. Über eine Qualitätssicherungs-Checkliste können Sie diese Aspekte vor und nach der Konvertierung gezielt prüfen.
Die Modellierung von Editionen, Amendments, Corrigenda und Gültigkeiten erfolgt direkt im Datenmodell über eigenständige Dokumente und präzise Beziehungsfelder. Unterschiede zwischen redaktioneller Pflege (istory, Freigaben) und technischer Versionierung (Ableitungen, Snapshotting) sollten Sie sorgfältig definieren.
Für Rechte und Lizenzen empfiehlt sich die explizite Erfassung von Copyright-Holder, Lizenz-URI, Laufzeitbeschränkungen (z. B. Embargo) und Zugangsebene.
Offizielle Ressourcen und Unterstützung
- Die NISO STS Tag Library, Schemata (DTD, RNG, XSD), Beispieldokumente und technische Dokumentation finden Sie auf der offiziellen Webseite der National Information Standards Organization (NISO) sowie in einschlägigen öffentlichen Repositorien und Bibliotheken.
- Hinweise und Konventionen zur Pflege von Identifikatoren, Metadaten und Klassifikationen basieren auf international anerkannten Standards (ICS, DOI, URN, publizistische Dokumentnummern).
- Für die Einführung stehen zahlreiche Handreichungen sowie Community-Profile und Validierungssetups bereit.
Häufige Fragen zu NISO STS
Was ist der formale Standard hinter NISO STS?
NISO STS ist 2017 als ANSI/NISO Z39.102-2017 veröffentlicht worden. Die Tag Library und Begleitmaterialien sind stabil, gelegentliche punktuelle Updates der Dokumentation erfolgen nach Bedarf.
Für wen lohnt sich NISO STS?
NISO STS ist wertvoll für Normungsorganisationen, Verlage und Unternehmen mit umfangreichen Normbeständen oder eigenen Regelwerken, technischen Richtlinien und Compliance-Dokumentationen.
Können bestehende Word-Dokumente nach NISO STS konvertiert werden?
Ja, Sie können Quellen aus Word, FrameMaker oder InDesign unter Nutzung spezialisierter Mapping-Regeln konvertieren. Achten Sie sorgfältig auf Listen, Abschnittsnummerierungen, Querverweise und eingehängte Objekte.
Welche Ausgabeformate können aus NISO STS erzeugt werden?
Aus einer STS-basierten XML-Datenbasis sind PDF-, HTML- und EPUB-Generierungen üblich. Hierzu werden spezielle Stylesheets, Pipelines und Transformationstools genutzt.
Worin unterscheidet sich NISO STS von JATS?
JATS fokussiert auf wissenschaftliche Artikel in Zeitschriften. NISO STS unterstützt zusätzliche Anforderungen an Normen, wie Hierarchien, Beziehungen, spezifische Metadaten und die Kennzeichnung normativer/informativer Abschnitte.
Ist NISO STS ein Ersatz für PDF?
Nein, NISO STS ist ein semantisches XML-Format für Strukturierung und Austausch. Die Erzeugung von PDF erfolgt durch Transformation, üblicherweise mittels XSLT und nachgeschalteten Ausgabetools.
Unterstützt NISO STS Versionierung und Beziehungen zwischen Normen?
Ja, Sie können Beziehungen wie „replaces“, „isReplacedBy“ und Varianten zur Gültigkeitssteuerung explizit modellieren. Die Detailtiefe und Pflege erfolgen redaktionell.
Müssen Sie sich für Interchange oder Publishing Tag Set entscheiden?
Je nach Prozessschritt nutzen Sie das Interchange Set für Austausch oder das Publishing Set für Produktions- und Ausgabeworkflows. Die Tag Sets sind kompatibel, zielgerichtete Profilierung sorgt für Konsistenz.
Wie unterstützt NISO STS mehrsprachige Dokumente?
Sie können Sprachfassungen als getrennte Dateien oder über xml:lang markierte Strukturen verwalten. Übersetzungsgruppen helfen bei der Synchronisation von Titeln, Abstracts und anderen Kerninhalten.
Welche Möglichkeiten bietet NISO STS zur Erfassung von Rechten und Lizenzen?
Sie können Rechte und Lizenzinformationen strukturiert mit eigenen Elementen erfassen, darunter Copyright-Inhaber, Lizenzstatus oder Zugangsbeschränkungen – eine gute Basis für digitale Distribution und Nachverfolgung.
Wo sind offizielle Ressourcen zu NISO STS zu finden?
Die offiziellen Schemata, Tag Libraries, Beispieldokumente und Referenzmaterialien zu NISO STS stehen auf der Webseite von NISO sowie in anerkannten öffentlichen Repositorien und Github-Projekten zur Verfügung.